Tod besiegen durch Kryokonservierung: So friert Berlin Menschen ein

Zwischen Alexanderplatz und Kitkat-Club forscht ein Berliner Startup an der Grenze des Vorstellbaren: Tomorrowbio konserviert Tote – mit dem Ziel, sie eines Tages wiederzubeleben. Mithilfe modernster Kryotechnologie werden Körper auf -196 Grad Celsius heruntergekühlt und in Tanks in der Schweiz gelagert. Es ist ein medizinisch-wissenschaftlicher Moonshot, getragen von der Hoffnung auf ein zweites Leben – und ein Unternehmen, das ethische, technische und wirtschaftliche Zukunftsfragen vereint.

Tod besiegen durch Kryokonservierung: So friert Berlin Menschen ein
Tod besiegen durch Kryokonservierung: So friert Berlin Menschen ein

Das Wichtigste in Kürze

  • Tomorrowbio aus Berlin bietet Kryokonservierung Verstorbener zur möglichen Wiederbelebung in der Zukunft an.
  • Nach dem Tod erfolgt eine schnelle Versorgung mit Sauerstoff, Frostschutzmittel und Abkühlung mittels Vitrifizierung.
  • Die Körper werden dauerhaft in Stickstofftanks bei -196 °C in der Schweiz gelagert.
  • Bisher konnten keine Menschen reanimiert werden – die Technologie bleibt Zukunftsvision.
  • Kostenpunkt: 200.000 € für eine Ganzkörperkonservierung, meist finanziert über Lebensversicherung.

Was macht das Berliner Startup Tomorrowbio?

Tomorrowbio konserviert Verstorbene bei -196 °C, um sie eines Tages mit zukünftiger Technologie möglicherweise wieder ins Leben zurückzuholen.

Wie funktioniert die Kryokonservierung bei Tomorrowbio?

Sobald ein Kunde für tot erklärt wird, beginnt ein minutiös geplanter Prozess. Ein Spezialteam aus Ärzten, Kardiotechnikern und Kryo-Experten versorgt den Körper sofort mit Sauerstoff. Ziel ist nicht die Reanimation, sondern die Verlangsamung des Zellverfalls. Zeitgleich wird der Körper schrittweise gekühlt. Noch im Krankenwagen wird das Blut gegen ein medizinisches Frostschutzmittel ausgetauscht. Dieses verhindert die Bildung von Eiskristallen, die Zellen zerstören würden.

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Anschließend beginnt die Vitrifizierung: Der Körper wird auf -196 Grad Celsius gebracht. Dabei handelt es sich nicht um ein Einfrieren im klassischen Sinn, sondern um eine Umwandlung in einen glasartigen Zustand. Diese Methode soll das Gewebe unendlich lange stabil halten. Die ersten Schritte finden in einem umgebauten Krankenwagen statt, der über eine Herz-Lungen-Maschine verfügt. So bleibt wertvolle Zeit erhalten – oft entscheidend für die Qualität der Konservierung.

Warum das Verfahren technisch so herausfordernd ist

Das größte Problem ist nicht die Kühlung selbst, sondern die mögliche Wiedererwärmung. Damit eine Wiederbelebung eines konservierten Körpers gelingt, muss das Gewebe in gleichmäßiger Geschwindigkeit und ohne Zellschäden aufgetaut werden. Gerade das Gehirn stellt eine besondere Herausforderung dar. Denn dort sitzen Identität, Erinnerung und Persönlichkeit. Heute ist es noch nicht möglich, ein Gehirn funktionstüchtig zu konservieren und wiederherzustellen.

Zwar gibt es Erfolge bei Spermien, Eizellen und Embryonen, doch komplexes Gewebe stellt die Forschung noch immer vor Hürden. Tomorrowbio sieht sich als wissenschaftliche Körperspendeeinrichtung – juristisch ist die Konservierung keine klassische Beerdigung. Das Startup verfolgt keine kurzfristigen Lösungen, sondern investiert in langfristige Forschungsfortschritte. Gründer Emil Kendziorra betont dabei immer wieder: Es gibt keine Garantie, dass Menschen je wieder aufwachen. Doch: „Wenn es funktioniert, wäre Tomorrowbio über Nacht die wertvollste Firma der Welt.“

Weshalb Menschen sich einfrieren lassen

Die Motivation der Kunden ist vielschichtig. Manche wollen dem Tod entkommen, andere einfach ihre Chancen wahren. Viele Kunden sind zwischen 35 und 45 Jahre alt, technologisch interessiert und meist beruflich im IT- oder Medizinbereich tätig. Eine große Gruppe sind Informatiker. Einige sind gesund und handeln aus Zukunftsvision, andere schwer erkrankt und hoffen auf medizinische Heilung in der Zukunft.

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Ein Beispiel: Ein Patient mit Blutkrebs ließ sich nach erfolgloser Therapie kryokonservieren. Für Tomorrowbio sind diese Menschen keine „Leichen“, sondern Teil einer Kultur der Wertschätzung. Begriffe wie „Patienten“ verdeutlichen diesen ethischen Anspruch. Die Entscheidung für eine Konservierung ist emotional, philosophisch – und immer auch eine Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod, das nicht im Jenseits liegt, sondern im Labor.

Die Lagerung in der Schweiz: Einblick in die Tanks

Gelagert werden die Körper unterirdisch in der Schweiz, in vakuumdichten Tanks der European Biostasis Foundation. Diese Stiftung wurde ebenfalls von Kendziorra gegründet. Die Tanks enthalten flüssigen Stickstoff, der durch seine Eigenschaft als inaktives Kühlmittel den Zerfall biologischer Strukturen verhindert. Da die Kühlung nicht strombetrieben ist, kann sie theoretisch jahrhundertelang aufrechterhalten werden – ein wichtiger Punkt für viele Kunden. Insgesamt wurden bisher 20 Menschen und 10 Tiere konserviert. Auch einzelne Gehirne werden separat gelagert – für manche Kunden eine kostengünstigere Alternative. Die Temperatur bleibt konstant bei -196 °C. Doch derzeit bleibt es bei der Lagerung: Die Rückkehr ins Leben ist weiterhin reine Theorie.

Was kostet die Konservierung – und wie funktioniert das Geschäftsmodell?

Der Preis für die vollständige Konservierung beträgt 200.000 Euro. Davon entfallen 80.000 Euro auf das eigentliche Verfahren und 120.000 Euro auf die dauerhafte Lagerung in der Schweiz. Wer nur sein Gehirn konservieren lassen möchte, zahlt 75.000 Euro. Zusätzlich wird ein monatlicher Mitgliedsbeitrag von 50 Euro fällig. Finanziert wird das Ganze meist über Lebensversicherungen.

Eine Willkommensbox mit Halskette gehört ebenfalls zum Paket. Tomorrowbio selbst verdient an der Kryokonservierung noch kein Geld. Perspektivisch plant das Startup eigene Versicherungen und ein Asset-Management: Kunden könnten Vermögen für eine mögliche Rückgabe nach der Wiederbelebung in die Zukunft „mitnehmen“. Dafür entsteht derzeit eine Stiftung, die Kapital treuhänderisch verwaltet. Tomorrowbio würde dafür eine Management-Fee erhalten. Aktuell zählt das Unternehmen 800 Kunden – ab etwa 1.500 wäre das Startup profitabel.

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Vision, Finanzierung und die Zukunft eines Moonshot-Startups

Tomorrowbio ist kein gewöhnliches Tech-Unternehmen. Es ist ein Moonshot – ein Projekt mit extrem hohem Risiko, aber potenziell revolutionärem Ausgang. Die letzten fünf Millionen Euro sammelte das Startup in einer Seed-Finanzierungsrunde ein. Investoren wie Blast.Club oder das Family Office Truventuro gehören zu den Unterstützern. Gründer Kendziorra verfolgt kein klassisches Exit-Ziel.

Er sieht Tomorrowbio als Lebenswerk. Zuvor war er in der Krebsforschung tätig, gründete zwei Startups mit Exit – und jetzt setzt er alles auf die Kryotechnologie. Die Expansion in die USA ist das nächste Ziel, dort ist die gesellschaftliche Akzeptanz größer. Studien zeigen, dass rund 20 % der Menschen in den USA Interesse an Kryokonservierung haben. Kendziorras Traum: 30.000 Kunden, ein sich selbst tragendes Unternehmen – und irgendwann der Durchbruch. Vielleicht finanziert durch einen visionären Milliardär, vielleicht durch wissenschaftliche Meilensteine. Bis dahin bleibt Tomorrowbio ein Wagnis mit großer Hoffnung.

Fazit

Tomorrowbio wagt den Griff nach dem Unmöglichen: den Tod zu überlisten. Die Technologie ist heute noch Zukunftsmusik, doch die Grundlagen werden bereits gelegt. Wer sich konservieren lässt, hofft auf ein zweites Leben – vielleicht in hundert Jahren. Ob das funktioniert, weiß niemand. Aber genau diese Frage macht das Startup so faszinierend. Und zu einem der spannendsten Experimente Europas.

Zuerst gelesen auf: https://www.businessinsider.de/gruenderszene/technologie/das-berliner-startup-das-tote-konserviert-und-wiederbeleben-will/

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